Guido Guidi (Cesena, 1941) studierte in den 1960er Jahren am Istituto Universitario di Architettura (Universitätsinstitut für Architektur) und am Corso Superiore di Disegno Industriale di Venezia (Fachhochschule für Industriedesign in Venedig), wo er unter anderem Schüler von Italo Zannier war. Seit 1969 in der fotografischen Forschung tätig, nahm er an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Italien und im Ausland teil und gilt als einer der bedeutendsten Protagonisten der internationalen Fotografie.
Als langjähriger Dozent an der Accademia di Belle Arti (Akademie der Schönen Künste) in Ravenna und an der Facoltà di Design e Arti (Fakultät für Design und Künste) der Universität Iuav in Venedig, hat Guidi eine innige Bindung zur Region Friaul-Julisch Venetien. Seit 1985 hielt er auf Einladung des CRAF (Centro di Ricerca e Archiviazione della Fotografia, Forschungs- und Archivierungszentrum für Fotografie) in Spilimbergo und anderer Institutionen in der Region zahlreiche Lehrworkshops und setzte eine Vielzahl von fotografischen Projekten zum Thema zeitgenössische Landschaft um. Er wurde 1988 mit dem FVG-Fotopreis ausgezeichnet und war zweimal Preisträger des Hemingway-Preises in Lignano Sabbiadoro (2014 und 2020) . Der erste Band seiner Retrospektive, Varianti, wurde 1995 vom Verlag Arti Grafiche Friulane veröffentlicht.
Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Guardando a Est, einem von Walter Liva herausgegebenen Buch, das die vierzehn Etappen dieser dreißigjährigen Erkundung des Territoriums nachzeichnet, haben die Kuratoren gemeinsam mit dem Fotografen, dem Archivio Guidi in Cesena und dem Archiv des CRAF eine neue Interpretation fotografischer Serien und Sequenzen erarbeitet, die bislang noch teilweise unveröffentlicht waren.
"Ich bin der erste Betrachter dessen, was ich tue", bestätigt Guidi. Er erinnert sich an die fotografierten Orte zurück und schlägt die Route vor, die Sie in dieser Ausstellung erwartet. Der ersten Serie über Triest im Jahr 1985 folgten Arbeiten, die im Rahmen von Workshops mit Jugendlichen in Spilimbergo 1991, 1994, 1995 sowie 1997 (im Dialog mit dem Werk von Pier Paolo Pasolini), in Lestans 1992 und 1998, in Venzone 1996, zwanzig Jahre nach dem Erdbeben, und in Pielungo und Pinzano 1999 entstanden. Auf Einladung der Fakultät für Architektur der Universität Triest suchte Guidi ganz seiner Arbeitsweise entsprechend nach physisch und mental "fehl am Platz" liegenden Blickpunkten in den ATER-Vierteln von Udine im Jahr 1999 und von Triest im Jahr 2002. Im Jahr 2004 befasste er sich mit dem Thema der Transformation der Grenze in Gorizia, während er sich 2014 auf San Vito al Tagliamento und Lignano Sabbiadoro konzentrierte.
Diese Reise durch Landschaften und Details zeugt von der ständigen Erneuerung der Bildsprache des Fotografen aus Cesena, der im Laufe der Zeit eine beispiellose und komplexe Ikonographie unserer modernen Landschaft geschaffen hat. In diesen Bildern bieten sich Orte als reiche Palimpseste von Zeichen und unerzählten Geschichten, von ehrgeizigen Projekten und alltäglichen Gesten, von "hohen" Kulturen und "niedrigen" Praktiken an. Es ist wichtig, den Wert des "Beliebigen" zu erkennen, so Guidi, durch die "Zwischenräume" zu gehen, die sich zwischen den Dingen auftun, an den unsicheren "Rändern" zu arbeiten, die das trennen und vereinen, was wir wissen oder zu wissen glauben. Letztlich wird die Landschaft in diesen Fotografien zu einem pulsierenden und rätselhaften Subjekt, zu einer Präsenz, die im Idealfall unseren Blick erwidert und dabei unsere Fähigkeit zur Fürsorge und zum Verständnis in Frage stellt.